Franz Konstantin Rampa
Bischof von Chur 1879–1888
von Albert Fischer
Nach dem frühen Tod des Benediktiners Kaspar Willi auf dem Churer Bischofsstuhl am 17. April 1879 wählte das in Chur versammelte Domkapitel am 28. Mai 1879 den Kanoniker und Bischöflichen Kanzler Franz Konstantin Rampa zum Nachfolger.
Der aus dem erst seit 1869/71 zum Bistum Chur gehörenden Val Poschiavo (zuvor zu Como) stammenden Geistlichen wurde am 13. September 1837 als Sohn des Bauern Antonio Rampa und seiner Ehefrau Domenica Lacqua zu Poschiavo geboren. 1854 besuchte Francesco Constantino die Kantonschule in Chur, wechselte aber bereits 1855 an die Stiftsschule nach Einsiedeln. 1856/57 finden wir ihn als Student in München, 1857/58 an der Università Sapienza in Rom und zwischen 1858 und 1861 schliesslich in Mailand.
Noch in Mailand für das Bistum Como am 25. Mai 1861 zum Priester ordiniert, arbeitete er zunächst als Vikar im Val Poschiavo. Sein weiterer Weg führte ihn jeweils in kurzen Abständen 1862 als Lehrer ans Kollegium St. Karl nach Zug, 1863 als Italienischlehrer an die Kantonschule nach Chur, 1864 wiederum nach Zug und schliesslich ab 1865 bis 1868 als gewählter Pfarrer nach Glarus, wo er in einer Simultankirche die Gottesdienste zu feiern sowie eine weit verstreute Katholikengemeinde im Glarnerland zu pastorieren hatte. Die Missionsstation Mitlödi geht u.a. auf seine Initiative zurück. In konfessionellen Fragen (z. B. Mischehen) zeigte er keinerlei pastorale Kompromissbereitschaft, was ihm nicht zuletzt von katholischer Seite den Vorwurf der Intoleranz eintrug. Trotz gewisser Spannungen schätze man seine klare Linie, seine seelsorgerliche Kompetenz und berief ihn alsbald zum Schulinspektor für den katholischen Teil des Kantons Glarus.
Auf das Studienjahr 1868/69 ernannte ihn der Churer Bischof Nikolaus Franz Florentini (1859-1876) zum Professor für Exegese und Kirchenrecht am Priesterseminar St. Luzi in Chur (1869-1878). Wieder in Chur wurde Rampa 1875 nicht-residierender Domherr, 1877 Geistlicher Rat und unter Bischof Willi ab Januar 1879 Bischöflicher Kanzler und Offizial.
Die päpstliche Konfirmation der Wahl Rampas zum neuen Churer Bischof erfolgte am 22. September 1879; die Bischofsweihe spendete ihm am 9. November 1879 in der Kathedrale zu Chur der St. Gallener Bischof Karl Johann Greith (1863-1882) [unter Assistenz des Ordinarius von Basel und des Weihbischofs in Feldkirch].
Mit der Erfahrung als Lehrer, Dozent theologischer Fächer und Seelsorger in der Diaspora fiel es Rampa als Bischof nicht schwer, mit den verschiedensten Gruppierungen im Bistum Chur Kontakte zu pflegen. Jährlich visitierte er systematisch einzelne Dekanate seines Sprengels. Dadurch lernte er nicht nur die Zustände und Verhältnisse in den einzelnen Pfarreien kennen, sondern, so schreibt Johann Georg Mayer im 2. Band seiner «Geschichte des Bistums Chur» [siehe unten], Rampas Hirtenwort habe “erfrischend” gewirkt, und durch sein menschenfreundliches Auftreten habe er “die Herzen der Diözesanen” alsbald gewonnen (S. 679). Seinem Klerus, dessen ökonomische Lage der Bischof durch persönliches Einwirken auf die Gemeinden zu verbessern suchte, legte er das Studium des Kirchenrechts besonders nahe. In seinen Hirtenbriefen scheute er sich nicht, in deutlicher Sprache den Gläubigen die verbindliche Lehre der Kirche aufzuzeigen; gleichzeitig gelang es ihm aber auch, die Liebe zur Kirche zu wecken bzw. fördern. Trotz diverser Bemühungen misslangen das Zustandekommen und die Durchführung einer Diözesansynode, auch die von Rampa 1881 geplante Neuauflage eines Churer Rituale konnte nicht verwirklicht werden.
Hingegen gelang es Bischof Rampa, den oben erwähnten, eigentlich aus Deutschland stammenden Diözesangeistlichen Johann Georg Mayer (1845–1912), Professor in Kirchenrecht (seit 1889) und Regens am Priesterseminar St. Luzi (seit 1908), 1881 davon zu überzeugen, anhand des von Archivar Christian Modest Tuor (1877-1893) begonnenen erstmals systematisch geordneten Aktenbestandes des Bischöflichen Archivs Chur die früheren Forschungsarbeiten des Geistlichen und Historikers Johann Franz Fetz (1809-1884) über die Churer Bischöfe weiterzuführen. Mayer entschloss sich alsbald, eine eigenständige Churer Bistumsgeschichte zu verfassen; diese erschien zuerst in Abfolge einzelner Faszikel, schliesslich 1907/14 in zwei voluminösen Bänden bei der Verlagsbuchhandlung Hans von Matt & Co. in Stans – sicherlich mit der Verdienst des fleissigen Archivars Tuor, welcher nicht nur Ordnung in ein lange Zeit vernachlässigtes und seit Beginn des 19. Jahrhunderts an Beständen geschmälertes Diözesanarchiv brachte, sondern grundlegende Registerbände anlegte, die bis zu Beginn des 21. Jahrhunderts die Handreichungen für archivalische Forschungen im Bischöflichen Archiv Chur schlechthin bleiben sollten.
Auch in der diözesanen Priesterausbildung, mit der Rampa als früherer Professor für Exegese und Kirchenrecht vertraut war, setzte der Bischof neue Akzente: Er verlängerte das Theologiestudium in St. Luzi zu Chur von bislang drei auf neu vier Jahre, forderte einerseits von den Alumnen ein Studium vor Ort von mindestens drei Jahren, gestattete andererseits einzelnen Priesteramtskandidaten einen Teil ihres Studiengangs in Mailand zu absolvieren, wo er 1885 althergebrachte Freiplätze sichern konnte.
Nachdem die Zürcher Gemeinde 1874 ihre Kirche an die Altkatholiken verloren hatte, konnte Bischof Rampa 1885 in der Zwingli-Stadt, die inzwischen die grösste katholische Gemeinde im Bistum Chur zählte, die Kirche St. Peter und Paul in Aussersihl feierlich einweihen. Für deren Bau hatte er bereits 1874 eine Kollekten-Reise nach Frankreich unternommen. Zwischen 1874 und 1890 gelangen an verschiedenen Orten im Kanton Zürich weitere Pfarreigründungen: St. Josef in Horgen (1874), St. Stefan in Männedorf (1875), Hl. Dreifaltigkeit in Rüti-Tann (1878), St. Marien in Langnau (1880), St. Margrethen in Wald (1882), St. Andreas in Uster (1884) und St. Franziskus in Wetzikon (1890). 1869 zählte man im Kanton Zürich erst 4 röm.-kath. Pfarreien mit 7 Priestern, 1893 waren es bereits deren 8 mit 12 Geistlichen.
Seit 1882 Apostolischer Visitator für die darniederliegende Benediktinerabtei Disentis, hatte Rampa zu deren Wiederaufstieg ebenfalls Wesentliches beigetragen. 1846 durch einen Brand stark in Mitleidenschaft gezogen, kam das Kloster unter die Staatskontrolle des Kantons Graubünden; das kantonale Klostergesetz von 1861 verhinderte weitgehend die Novizenaufnahme und das schon zuvor verarmte Kloster Disentis drohte vollends unterzugehen. Nach einem Stimmungsumschwung in Volk und Bündner Regierung kam es 1880 zu einem Umdenken. Treibende Kräfte waren neben dem Churer Bischof v.a. der Disentiser Redakteur Placi Condrau, der aus Trun stammende Politiker Caspar Decurtins (bekannt unter dem Namen “der Löwe von Trun”) und der Maienfelder Theophil von Sprecher. Mit Hilfe der Schweizer Benediktiner-Kongregation, insbesondere durch die Abtei Muri-Gries, wurde das Kloster am Fuss des Oberalppasses vor dem Aussterben bewahrt und erfuhr eine neue Blüte.
Wenig Erfolg verzeichnete Rampa hingegen in seinen Bemühungen, von Österreich, welches aufgrund der Abtrennung der vorarlbergischen und tirolischen Bistumsanteile im Jahre 1816 die einst zugesicherte Pension von jährlich 4000 Gulden gestrichen hatte, wieder zu erlangen. Kaiser Franz Joseph I. (1848-1916) stiftete für 10'000 Franken lediglich eine immerwährende Jahrzeit für das Haus Österreich im Dom zu Chur, welche übrigens bis zum heutigen Tag gehalten wird (jeweils am 12. November), ohne aber weitere Zahlungen zu leisten.
Die Kathedrale von Chur plante Rampa, einer Gesamtrestaurierung zu unterziehen, was jedoch aufgrund seiner Hirnhautentzündung im Oktober 1886 nicht mehr realisiert werden konnte. Was hingegen gelang, war ein Neubau der Hauptorgel 1886 durch den Orgelbauer Friedrich Goll in Luzern (Vertrag 15. April 1886).
Am Abend des 17. Septembers 1888 starb Bischof Franz Konstantin Rampa im Alter von erst 51 Jahren in Chur und wurde auf dem Friedhof vor der Kathedrale beigesetzt. Sein wenn auch nur kurzes Episkopat von 1879 bis 1888 verdient eine bislang ausstehende detaillierte Darstellung.