Nikolaus Franz Florentini
1859–1876
von Albert Fischer
Nikolaus Franz Florentini wurde am 7. September 1794 in Müstair als Sohn des Antoni Florintöni und der Benedicta Conrad geboren. Stationen seiner höheren Schulbildung und philosophisch-theologischen Studien waren das Gymnasium der Benediktinerpatres aus Marienberg in Meran, das Jesuitenkolleg in Solothurn und das Priesterseminar St. Luzi in Chur. Die Priesterweihe spendete ihm am 7. April 1817 der damals in Chur weilende Nuntius der Schweiz, Erzbischof Carlo Zen (1816–1817). Ab 1818 bis 1824 übernahm Florentini die Pfarrseelsorge in Vals, wechselte dann 1824 nach Samnaun, kehrte jedoch bereits 1826 ins Lugnez zurück, wo er die Kaplanenstelle in St. Martin, welche zur Pfarrei Tersnaus gehörte, inne hatte. 1831 berief ihn Bischof Kaspar de Carl ab Hohenbalken als Professor für Moral an das Priesterseminar nach Chur, wo er bis 1838 lehrte. Da Florentini aber zutiefst in der Seelsorge seine Erfüllung verspürte, wirkte er nebenher zwischen 1835 und 1838 als Kaplan in der Pfarrei Ems und übernahm ab 1838 bis 1844 vollamtlich die Pfarrei Trimmis. Bereits seit 1841 als nichtresidierender Domherr dem Churer Kathedralkapitel zugehörig, wählten ihn die Kanoniker am 8. Februar 1844 zum Dekan, was ihn zwang, endgültig in Chur auf dem Hof Residenz zu nehmen.
Nach dem Tod Bischofs Kaspar de Carl an 19. April 1859 versammelte sich das Churer Domkapitel (22 an der Zahl) am 26. Mai 1859 zur Wahl des neuen Bischofs. Die Wahl gestaltete sich äusserst schwierig. Nach den ersten fünf Wahlgängen führte klar Domscholastikus Christian Leonhard Demont (1856-1859) mit neun Stimmen. Im sechsten lagen Demont und Florentini gleich auf (je 8); erst im achten Durchlauf wurde schliesslich Domdekan Florentini mit 12 Stimmen gewählt (Demont 8; zwei andere je 1). Da das Wahlprozedere durch das Mittagessen unterbrochen worden war – interessanterweise gerade nach dem fünften Wahlgang! –, wurde die Wahl von Rom als ungültig erklärt; Papst Pius IX. (1846–1878) ernannte jedoch den Gewählten am 26. September 1859 frei zum neuen Churer Oberhirten. Am 18. Dezember des gleichen Jahres spendete ihm der Basler Bischof Karl Arnold-Obrist (1854–1862) unter Assistenz des Weihbischofs und Generalvikars des Bischofs von Brixen in Vorarlberg mit Sitz in Feldkirch, Georg Prünster (1836–1861), und des Abtes von Einsiedeln, Heinrich IV. Schmid (1846–1874), im Dom zu Chur die Bischofsweihe.
Obwohl Wahlkapitulationen vor oder nach Bischofswahlen von Rom längst nicht mehr erlaubt waren – das päpstliches Verbot stammt aus dem Jahr 1695 – unterzeichneten im Mai 1859 die 22 in Chur versammelten Kanoniker solche Kapitulationen. Die vom Gewählten beschworenen Punkte betrafen die konsequente Fortführung der Schuldentilgung des Bistums und Domkapitels infolge des verheerenden Hofbrandes von 1811, die Akzeptanz der jährlich durch den Bischof vor dem Kapitel abzulegende Rechnung, die aktive Bemühung um Errichtung eines Knaben-Gymnasiums (auf dem Hof) und das Einverständnis der Einverleibung alter Lehen (der Schlösser Remüs und Steinsberg im Unterengadin), welche mit den dazugehörigen Gütern definitiv der bischöflichen Mensa eingegliedert werden sollten.
Der von Bischof Florentini mit der Ökonomieverwaltung betraute Verwandte aus Müstair, Paul Foffa, Verfasser einer historischen Skizze über das Münstertal (1864), arbeitete in Folge nicht nur unzuverlässig, sondern erregte durch seine willkürlichen Veräusserungen alter Urkunden aus dem Bischöflichen Archiv an das Germanische Nationalmuseum in Nürnberg und weitere Veruntreuungen grosses Aufsehen, so dass er auf Druck des Domkapitels und schliesslich auf Weisung des Nuntius entlassen wurde.
Welchen Erfolg die Ernennung des zweiten bischöflichen Verwandten aus Müstair, des Kapuziners Theodosius Florentini, zum Generalvikar (1860–1865) verbuchte, ist schwer zu beurteilen, da entsprechende Forschungen über seine Zeit als Offizial und Generalvikar bis dato fehlen und aufgrund mangelnder Quellen auch recht bemühend sein werden. Jedenfalls blieb nach dem Tod Theodosius’ (+ am 15. Februar 1865 in Heiden/Appenzell) das Amt des Generalvikars bis 1868 vakant; viele Arbeiten wurden durch den gewissenhaften wie geschäftsgewandten Kanzler Meinrad Appert erledigt. Erst am 21. Dezember 1868 ernannte Florentini den von Papst Pius IX. erkorenen neuen Churer Weihbischof P. Kaspar Willi OSB aus Einsiedeln zum Generalvikar (1868–1877). Willi vertrat den alternden Churer Bischof auf dem Ersten Vatikanischen Konzil (1869/70).
Florentinis Episkopat war nicht nur in der Verwaltung auf dem Hof selbst, sondern auch in der Administration der Bistumskantone durch Rückschläge gekennzeichnet. Es gelang dem Churer Bischof weder die Kantone Uri und Unterwalden definitiv in das Bistum einzugliedern noch die Säkularisation der Benediktinerabtei Rheinau durch den Kanton Zürich im Jahre 1862 zu verhindern. Auch die darniederliegende Abtei Disentis, deren Verwaltung Florentini im November 1861 als Apostolischer Delegat übernahm, konnte zu seiner Zeit nicht wirklich gehoben werden. Nach dem Ersten Vatikanischen Konzil kam es in Zürich, wo etwa 8800 Katholiken lebten, zur Gründung einer altkatholischen Gemeinde (1873), welcher der Kanton die Augustiner-Kirche zusprach. Gleichzeitig löste der Kantonsrat offiziell die katholischen Gemeinden aus dem Verband der Churer Diözese, ohne jedoch die Seelsorge als solche zu behindern. Noch 1873 konnte in der Stadt Zürich die Pfarrei St. Peter und Paul errichtet werden (Kirchenbau 1874). Zwischen 1874 und 1880 gelangen zudem in Horgen (St. Josef, 1874), in Männedorf (St. Stefan, 1875), in Rüti-Tann (Hl. Dreifaltigkeit, 1878) und in Langnau am Albis (St. Marien, 1880) Gründungen katholischer Pfarreien.
Die Beschwerden des Alters machten sich immer mehr geltend, und infolge der fast vollständigen Erblindung Florentinis erklärte er am 18. Oktober 1876 seine Demission; Papst Pius IX. nahm seinen Rücktritt am 25. November 1876 an. Bereits am 10. Januar 1877 wählte das Churer Domkapitel Weihbischof Kaspar Willi einstimmig zum Nachfolger. Nikolaus Franz Florentini verstarb am 29. Juni 1881 in Chur und wurde auf dem Friedhof vor der Kathedrale beigesetzt.