Peter Raschèr
1581 – 1601
von Albert Fischer
Nach dem massgeblich von Nuntius Bonhomini erzwungenen Rücktritt Beat à Portas wurde am 3. Juni 1581 der aus Zuoz (geb. 1549) im Engadin stammende Domkantor (1578–1581) und frühere Pfarrer von Bergün/Bravuogn (bis 1578), Peter Raschèr, als Favorit des Gotteshausbundes – gegen den Willen des beim Wahlakt auf dem Hof anwesenden Nuntius – zum neuen Churer Bischof gewählt (1581–1601). Da Raschèr den Doktorgrad nicht besass, bedurfte er für die Annahme der Wahl einer päpstlichen Dispens, welche ihm im November 1581 gewährt wurde. Am 25. März 1582 spendete ihm der Weihbischof von Konstanz, Balthasar Wurer (1574–1598), in der Stadtpfarrkirche zu Feldkirch die Bischofsweihe. Am 16. August 1582 erhielt er die Reichsregalien und am 18. Oktober des gleichen Jahres beschwor er die umstrittenen Sechs Artikel.
Peter Raschèr war ein Hirte mit wenig geistig-geistlicher Bindung; zudem haftete an ihm der Vorwurf, eine Konkubine zu halten. Beeinflusst war er auch von einem seiner Brüder, Johannes Raschèr, der zum neuen Glauben übergetreten war und dennoch als bischöflicher Hofmeister fungierte. Nicht durch Eigeninitiativen, sondern auf Druck von aussen – vor allem durch die Nuntien (Nuntiatur der Schweiz von 1586 bis 1873 in Luzern) – hat er sich allmählich zu ersten Reformen drängen lassen. Die Beziehungen zwischen der Kurie in Rom und Chur blieben jedoch während seiner ganzen Amtszeit angespannt.
Als pastorale Notlösung, die dem Klerus zur Überbrückung des beklagten Mangels an liturgischen Büchern eine bekannte Handreichung bieten sollte, gab Bischof Peter Raschèr 1589 das Missale Curiense heraus. 1590 folgte eine Ausgabe des Rituale Curiense und 1595 ein geringfügig geänderter Neudruck des Breviarium Curiense von 1490/1520. Raschèrs liturgische Bücheredition betonte die von Rom nicht grundsätzlich abgelehnte jahrhundertealte Eigentradition, trug aber in keiner Weise den pastoralen Anforderungen der Zeit gebührend Rechnung. Entscheidender für den von Rom erwarteten Reformdurchbruch waren die Visitationen auf Diözesangebiet.
Bereits Herbst 1583 weilte Carlo Borromeo in der Mesolcina und leitete durch seine Präsenz erste fruchtbare Reformen ein. Die Häupter der Drei Bünde verhinderten jedoch die Weiterreise Borromeos über Chur nach Hohenems, so dass Bischof Raschèr vom Kardinal aus Mailand in schriftlicher Form angemahnt wurde: “Erinnere dich der übernommenen Pflicht, die Schafe Christi zu weiden, worüber du einst Christus selbst, der sie mit seinem Blut erlöst hat, Rechenschaft geben musst. Deine große Sorglosigkeit in der Ausübung des Hirtenamtes ist durchaus tadelnswert und unentschuldbar, [...]. Ich ermahne, ja bitte und beschwöre dich, die übernommenen Pflichten genauer, als du es bis anhin getan hast, wahrzunehmen und dich um das Seelenheil der dir anvertrauten Gläubigen zu kümmern. Visitiere deine Diözese regelmässig [...].”
Peter Raschèr fand leider nicht die Kraft, selbst zu visitieren, hingegen sandte er auf wiederholtes Drängen des österreichischen Erzherzogs und des Nunitus reformgewillte Kleriker (u.a. Johann Flugi, Pfarrer in Feldkirch [1585–1597], Christian Capitel, Pfarrer in Tosters [1588–1599]) zur ersten gründlichen Visitation ins Vorarlberg und in den Vinschgau (1595). Als Konsequenz auf die ernüchternden Resultate, welche diese Visitation an den Tag brachten, erliess Generalvikar Nicolaus Venosta noch 1595 Verordnungen an den Diözesanklerus, welche den Lebenswandel des Klerus und die priesterliche Spiritualität betrafen und klare Akzente auf die Verbesserung der Pfarrseelsorge, der Verkündigung, der Sakramentenpastoral sowie der Verwaltung der kirchlichen Güter und Gelder legten. 1599 erliess Nuntius Giovanni della Torre (1595–1606) nach seinem Besuch in Chur (1598) und weiteren Gesprächen mit dem Churer Domkapitel in Feldkirch Verordnungen für Bischof und Domkapitel. Positiv berichtete della Torre im März 1599 nach Rom, er sei zuversichtlich, dass durch die gemeinsame Arbeit von Bischof, Domkapitel und Pfarrklerus die Reform im Bistum Chur endlich an die Hand genommen werden könne.
In Raschèrs Amtszeit fiel schliesslich die konkrete Bemühung um eine diözesane Bildungsstätte für den angehenden Säkularklerus, welche seine Wurzel in der unausweichlichen Forderung des Nuntius della Torre fand, der Bischof habe sich intensiv um eine Rekrutierung des Priesternachwuchses vorrangig aus seinem Diözesangebiet zu bemühen. Wenn auch nur wenige Jahre (1587–1595/96) konnte die Lehranstalt für angehende Alumnen aus (Romanisch-)Bünden in den Räumlichkeiten des Benediktinerklosters in Disentis eine bescheidenen Beitrag im Bereich der Erneuerung der Priesterausbildung leisten.
Insgesamt zeigte sich Peter Raschèr in seinen letzten Amtsjahren der tridentinischen Reform gegenüber aufgeschlossener. Bereits 1599 war der Bischof wiederholt durch Krankheit geschwächt; er starb am 3. Januar 1601 und wurde in der Churer Kathedrale beigesetzt.